Nach 1945 verändert sich der deutschsprachige Buchmarkt rasant: In den vier Besatzungszonen Deutschlands werden zahlreiche Verlage neu- oder wiedergegründet, sie sind jedoch zunächst von der Organisation der Lizenzierung und der Papierzuteilung durch die Besatzungsmächte abhängig. In der Schweiz entstehen um das Ende des Zweiten Weltkriegs viele auf Übersetzungsbelletristik spezialisierte ›Konjunkturverlage‹, die den ›Bücherhunger‹ der Nachkriegszeit grenzübergreifend stillen wollen, aber zu einem großen Teil wieder schließen, als sich die Buchproduktion in Deutschland ab den späten 1940er Jahren erholt. In Österreich erfüllt sich die Hoffnung nicht, dass Wien anstelle des zerbombten Leipzigs zur wichtigsten ›Buchstadt‹ des deutschsprachigen Raums wird. Das Aufkommen des deutschen Taschenbuchs schreibt an der Geschichte des ›Wirtschaftswunders‹ mit und wirkt sich auf den internationalen Verlagskontext aus.
Die Tagung fragt nach der Rolle, welche die vom nationalsozialistischen Regime vertriebenen Übersetzer:innen bei diesen Umwälzungen spielen: Sind sie dank der im Exil erworbenen Sprachkompetenzen besonders gefragt auf einem deutschsprachigen Buchmarkt, der sich internationalisiert und von fremdsprachigen Bestsellern lebt? Wie prägen Rückkehrer:innen aus der UdSSR die staatlich organisierte Verlagslandschaft der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR mit? Inwiefern machen Zurückgekehrte, die in Übersee den ›Emigrantenberuf‹ der Literaturagentin oder des Literaturagenten entdeckt haben, Zürich zu einer Hochburg des Agenturwesens? Inwieweit bringen geflüchtete Verleger:innen ihr im Exil erweitertes Know-how und Netzwerk in den deutschen Sprachraum zurück? Wie gehen die ehemaligen Exilierten mit personellen und ideologischen NS-Kontinuitäten und mit der Konkurrenz und der Missgunst der Dagebliebenen um?
Das an den Universitäten Graz, Mainz/Germersheim und Lausanne angesiedelte und vom FWF, DFG und SNF geförderte Forschungsprojekt Translation im Post-Exil. Personen, Texte, Verflechtungen 1945–1960 richtete den Fokus bei einer ersten Tagung 2025 in Germersheim auf die unmittelbare Nachkriegszeit von 1945 bis 1950 und auf die Personen, die im Post-Exil translatorisch tätig waren. Die zweite Tagung in Lausanne rückt den Transfer von Texten zwischen 1945 und 1960 in den Mittelpunkt.
Eine spezifische Erscheinung des Exils ist die verstärkte räumliche Trennung der Wohn-und der Publikationsorte von Übersetzer:innen: Veröffentlichten sie vor der Flucht mehrheitlich in dem Land oder zumindest in dem Sprachraum, in dem sie lebten, so erscheinen ihre Übersetzungen nach 1933 in Verlagen und Zeitschriften in Amsterdam, Zürich oder New York, relativ unabhängig davon, in welchen Exilländern sie sich selbst aufhalten. Für Autor:innen entwickelt sich der Verkauf von Übersetzungslizenzen im Exil zu einer Haupteinnahmequelle, und nicht wenige machen die Erfahrung, dass ihre Werke zuerst oder ausschließlich in Übersetzungen publiziert werden.
Im Post-Exil setzt sich die Entkoppelung von Wohn- und Publikationsort und damit die von den Personen gelöste Bewegung von Texten fort: Die Werke und die Ideen vieler Exilierter kehren nach Deutschland oder Österreich zurück, ohne dass sich ihre Urheberinnen – Übersetzer:innen, Schriftsteller:innen oder Wissenschaftler:innen – selbst wieder dort niederlassen.
Zahlreiche Übersetzungen, die während der kurzen ›Sternstunde‹ des helvetischen Buchhandels unmittelbar nach dem Krieg in der Schweiz erscheinen, werden ab den 1950er Jahren von deutschen Verlagen als Lizenzausgaben übernommen, während die Übersetzer:innen vielfach in der Schweiz bleiben.
Die Tagung will die verschiedenen Spielarten und die politischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen des Transfers von Texten im Post-Exil beleuchten. Untersuchungen zu einzelnen Fallbeispielen sind ebenso erwünscht wie grundsätzliche Überlegungen zum Phänomen des Post-Exils und des interlingualen, transnationalen und transkulturellen Texttransfers.
Dauer der Vorträge: max. 30 Minuten. Tagungssprachen: Deutsch, Englisch, Französisch. Eine Publikation ausgewählter Beiträge ist geplant. Eine Tagungsgebühr wird nicht erhoben. Kosten für Reise und Unterkunft gehen zu Lasten der Vortragenden.
Wir freuen uns über Vorschläge für Beiträge (Abstract von max. 1500 Zeichen mit kurzer Bio-Bibliografie) bis 27. April 2026 an die E-Mail-Adresse: pino.dietiker@unil.ch