Im Portrait: Irene Weber-Henking
Irene Weber Henking, Professorin für Übersetzungswissenschaft an der Universität Lausanne, Leiterin des Centre de traduction littéraire https://www.unil.ch/lettres/fr/home/menuinst/recherche/centres/ctl.html und Präsidentin des Prix lémanique de la traduction (www.prixlemanique.ch)
Woran arbeitest du aktuell im Rahmen des Projekts und was steht dabei für dich im Mittelpunkt?
Im Rahmen des Projektes arbeite ich zum Steinberg-Verlag (1942-1972), der im Jahre 1942 von den Schwestern Selma (1901–1979) und Luise Steinberg (1900–1979) gegründet wurde. Selma, Luise und die dritte Schwester Sophie (1899–1957), alle drei geboren in Altona von jüdisch-rumänischen Eltern aus Botosani und um 1914 in Zürich eingebürgert, und Sophie Steinbergs Ehemann Simon Menzel (1899–1982) waren alle vier im Verlagswesen tätig: Simon Menzel gründete drei Verlage: 1934 den Verlag Humanitas, 1935 Die Liga und 1947 schließlich den Diana-Verlag. Die letzten Bücher des Steinberg-Verlags sind im Jahr 1964 publiziert worden. Die Bilanz ist beeindruckend: 161 Publikationen in 22 Jahren, davon 137 Übersetzungen insbesondere aus dem Englischen und von Exil-Übersetzer:innen geschrieben.
Was fasziniert dich an genau diesem Forschungsschwerpunkt?
Im Verlaufe der Forschungsarbeit im Archiv des Steinberg-Verlags habe ich ein Netzwerk von Personen und Institutionen entdeckt, die alle während und nach dem zweiten Weltkrieg die Schweizer Literaturlandschaft geprägt haben. Die Auswertung der umfangreichen Korrespondenz mit nationalen und internationalen Partnern über mehrere Jahrzehnte hinweg zeigt, welche Bedeutung und Funktionen die Verleger:innen für Exil-Übersetzer:innen und darüber hinaus für das deutschsprachige Literaturfeld hatten.
Mit welchen Quellen oder Beständen arbeitest du und was macht diese Materialien für deine Forschung so wertvoll?
Das bearbeitete Material ist im kaum erforschten und wenig erschlossenen Archiv des Steinberg-Verlags im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern (SLA) einzusehen: In beinahe 120 sehr gut bestückten, aber noch wenig strukturierten und kaum klassierten Archivschachteln findet man eine ausführliche Korrespondenz der Verlegerinnen Steinberg mit Autor:innen, Agent:innen, Scouts, Gutachter:innen, Übersetzer:innen, Politikern und Rechtsanwälten, die den Aufbau, die Erfolge und Krisen des Verlags sichtbar machen.
Gibt es einen Fall, der für dein Projekt besonders exemplarisch ist?
Ich gehe davon aus, dass anhand der Forschungen zum Steinberg-Verlag eine exemplarische Studie zur Verlagsentwicklung im Schweizer Post-Exil skizziert werden kann. Insbesondere die Gründe für das Verschwinden zahlreicher Schweizer Verlagshäuser nach 1949 kann das Beispiel des Steinberg-Verlags aufgrund des vorhandenen Archivmaterials erklären.
Im Portrait: Marina Rougemont
Bitte stelle dich kurz vor. Woran arbeitest du aktuell im Rahmen des Projekts und was steht dabei im Mittelpunkt?
Seit Oktober 2025 arbeite ich im Rahmen des Projekts an der Dissertation zu Fega Frisch, Übersetzerin aus dem Russischen und dem Jiddischen, die 1933 in die Schweiz floh und dort bis zum Ende ihres Lebens blieb.
Die Biografie von Fega Frisch führt durch ein halbes Jahrhundert gewaltiger Transformationen: Ihre erste Übersetzung erschien 1909 und die letzte 1954. Ihr Fall ist für unser Projekt besonders exemplarisch: Sie schuf ein umfangreiches Werk vor 1933, ein Teil davon ist durch das Exil der Übersetzerin und das Arbeitsverbot im Exilland Schweiz verlorengegangen, doch sie übersetzte auch ab 1943 viel, als das Arbeitsverbot gelockert wurde, und verlegte zahlreiche Übersetzungen, vor allem der klassischen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, neu.
Im Mittelpunkt steht in meinem Projekt die Rolle Fega Frischs als Vermittlerin der zeitgenössischen russischen und jiddischen Literatur, z. B. der Werke von Fëdor Sologub, Michail Prišvin, S. An-ski u. a.
Was begeistert dich an genau diesem Forschungsschwerpunkt? Mit welchen Quellen oder Beständen arbeitest du und was macht diese Materialien so wertvoll?
Die Arbeit mit den Zeitungsarchiven finde ich besonders wertvoll: Eine Publikation in der Zeitung ist mit weniger Risiko verbunden als eine Buchpublikation. Ein medienarchäologischer Ansatz erlaubt es, sich von der „bibliozentrischen“ Perspektive loszulösen. Die Veröffentlichungen in den Periodika sind im Vergleich zu den Buchpublikationen mit einem geringeren wirtschaftlichen Risiko verbunden: In der Forschung zur Rezeption zeitgenössischer, damals weniger bekannter Autoren ist die Medienarchäologie unerlässlich.
Der Blick auf die Periodika (Die Grüne Post, Das Grüne Blatt) erlaubte im Laufe des ersten Jahres der Arbeit, Fega Frisch als Vermittlerin von Michail Prišvins Werk sichtbar zu machen. Prišvin war der wichtigste zeitgenössische Schriftsteller, dessen Werk Frisch vermittelte. Sein Schreiben ist für die gegenwärtige Forschung, die sich zunehmend mit Animal Studies und Ökokritik beschäftigt, von besonderem Interesse.
Welche neue Erkenntnis war bisher für dich die spannendste und warum? Gab es bei deinen Recherchen Momente, die dich überrascht haben?
Im Laufe des ersten Jahres konnte ich sechzehn Übersetzungen von Michail Prišvin finden, die Fega Frisch in den Jahren 1929–1933 in der äußerst erfolgreichen Zeitung des Ullstein-Verlags, Die Grüne Post, veröffentlichte. Lediglich zwei davon konnte sie im Schweizer Post-Exil publizieren.
Zu den überraschenden Funden gehört noch eine Publikation in einem 1948 in Dortmund von einem ehemaligen Autor der Grünen Post gegründeten Magazin, Das Grüne Blatt, das sich konzeptuell an der Ullstein-Zeitung orientierte: Dort erschien, wahrscheinlich als Raubdruck, eine Übersetzung von Fega Frisch, ein kurzer ethnografischer Text Michail Prišvins über die Zähmung der Adler. In dieser Publikation wurden weder der Name des Autors noch der Name der Übersetzerin angegeben.
Welche translationalen Kontinuitäten oder Brüche lassen sich zwischen Exil- und Post-Exil-Zeit feststellen?
Der Russlanddiskurs sowie die editorische Rahmung der übersetzten Texte verändern sich im jeweiligen Kontext: In der populären, niederschwelligen Zeitung der Weimarer Republik, in der Schweizer Qualitätszeitung NZZ und in der anspruchsvoll und künstlerisch gestalteten Schweizer Zeitschrift Du finden die gleichen Jagdgeschichten Michail Prišvins jeweils einen anderen Platz. Der gleiche übersetzte Text kann neu ediert werden, wobei manchmal bedeutende Sinnverschiebungen entstehen: So gibt es zwischen dem gleichen Text, der 1929 in der Grünen Post erschien, und der Neuedition in der NZZ von 1950 bedeutende Unterschiede auf der Textebene. Diese Verwandlungen der übersetzten Texte finde ich faszinierend.
Wohin soll deine Forschung in den nächsten Monaten gehen?
Im Laufe der weiteren Arbeit möchte ich mich auf Fega Frisch als Übersetzerin der jiddischen Literatur konzentrieren, auf die translatorische Ghettoisierung der Jahre 1933–1943 und auf den Weg aus dieser aufgezwungenen Isolation heraus. Darüber hinaus scheint es mir wichtig, die Figuren der frühen Exilforschung – oft Kinder von Exilanten – als Übersetzer sichtbar zu machen: Guy Stern, Max Kreutzberger und andere Historiker und Germanisten, die sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit für die Exilforschung eingesetzt haben.